Brief aus AuschwitzDas Ehrenmitglied unserer Gesellschaft, Frau Orna Birnbach, Tel Aviv, Jg. 1928, wurde von ihrer Mutter in Auschwitz getrennt, und zwar im November 1944. Die Mutter wurde wider Erwarten am 27. Januar 1945 in Auschwitz befreit. 1945 fanden sich Mutter und Tochter wieder, es folgen Seiten aus dem ersten Brief nach der Befreiung. [...] Die Blockleiterin hat mir ehrlich geglaubt, daß ich schwach sei, auch auf den Beinen, aber ohne daß eine Krankheit ausbrach, durfte sie keinen ins Krankenhaus überweisen. Iich fing schrecklich an zu weinen bei dem Gedanken, daß ich wieder in die verfluchte Baracke zurückkehren müßte. Sie war leicht ergriffen, dachte vielleicht 15 Minuten nach, und am Ende hat sie mir irgendeine Krankheit aufgeschrieben und gab die Überweisung. Aber damit noch nicht das Ende! Unterwegs zum Krankenhaus hat die Aufseherin alle untersucht, auch Thermometer angelegt, und wen sie für gesund hielt, schickte sie in die Baracke. Ich habe wahrscheinlich so schrecklich ausgesehen, daß sie mich durchließ. Tag und Nacht schlief ich aus Erschöpfung. Ich wurde nur wach zum Essen. Am 16. Januar 1945 wurde das ganze Lager evakuiert. Befehl: Wer auf den Beinen stehen könne, solle sich vor die Baracke stellen. In Hemd, Decke und in Holzschuhen sollte die Reise losgehen. Zum Glück haben sie uns die Wahl gelassen, daß, wenn einer zu schwach sei zum Laufen, er dableiben solle. Es würde ein spezieller Waggon kommen und den Rest mitnehmen. Ohne viel nachzudenken, bin ich als erste in die Baracke reingegangen, ohne auf die Überredungskünste meiner Freundinnen zu achten, die sagten, daß es sich um einen klaren Hinterhalt handeln müsse. Ich habe lieber den Tod auf der Stelle gewählt, statt irgendwo unterwegs zu erfrieren. Viele Kranke und schwache Menschen sind gegangen, und aufgrund der Schwäche sind sie auch nicht weit gekommen und wurden erschossen. Von Zeit zu Zeit zeigte sich ein Deutscher, der Befehle gab. Drei Tage, bevor die Russen kamen, erschienen zwei Deutsche, die befahlen, daß alle Juden sich zum Ausmarsch hinstellen sollten. Wer bleibe, werde erschossen. Viele haben sich hingestellt. ich mit meinen drei Freundinnen, wir haben nach einer langen Beratung beschlossen, daß wir uns verstecken und wieder auf den Tod warten. Die Erfahrung hat uns gezeigt, daß in solchen Fällen derjenige, der sich versteckte, auch verschont blieb. Wir verbrachten eine schreckliche Nacht in Erwartung unseres Urteils. Uns trennten nicht mal drei Tage von der Befreiung, aber das war wie eine Ewigkeit! Am 27. Januar 1945 um ein Uhr nachts wurde ich durch eine russische Stimme in der Baracke wach. Ich weckte meine Freundinnen auf, die glaubten, ich würde träumen. Wir sprangen aus den Betten und konnten augenscheinlich feststellen [...] Erster Enthusiasmus und Freude ... und dabei eine Erbitterung ... Wo sind der Vater, wo du ... vielleicht bin ich unnötig gerettet? Und es kam der Moment, wo ich erfahren habe, daß du lebst!
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