Warum dieses Engagement? - Eine sehr persönliche Stellungnahme,,Du bist eine Sabre!''. - In einheitlicher Kleidung, Hose, Hemd, Hut, Arbeitsstie-fel kam ich mit den anderen Voluntären verschwitzt, aber lachend von den Obstplantagen in Kfar Hammacabi bei Haifa zurück, als das ein Kibbuznik, ein Shoa-Überlebender aus Deutschland, zu mir sagte. Es war April 1967, kurz vor dem 6-Tage-Krieg, und es war das größte Kompli-ment, das ein Jude mir je machte: eine Einheimische, eine in Israel Geborene zu sein, ich, eine Deutsche! Nach 10 Jahren intensiver Arbeit in der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Limburg werde ich oft gefragt: Woher kommt Ihr Engage-ment? Was hat Sie dazu gebracht? - Und so bin ich gezwungen nachzudenken, und es scheint, als hätte ich es schon ,,mit der Mutterrnilch'' aufgenommen. Geboren im Mai 1939 mit einem Zwillingsbruder in einem evangelischen Pfarr-haus bei Worms, lernte ich meinen Vater erst im März 1945 kennen. Er war vor amerikanischer Gefangenschaft getürmt, und sicher erschoss ihn der örtliche Ortsgruppenleiter und Großbauer nicht als ,,Deserteur'', weil er immer noch der Pfarrer dieses und dreier umliegender Dörfer war. Im Januar 1946 wurde mein Bruder Martin geboren. Wir, die ,,Parrers Kinner'', waren fast sechs Jahre mit Mutter und Großmutter aufgewachsen, die beide nie den Hitlergruß zeigten und sich in diesem Bauern-dorf durchschlagen mussten. Fünf Onkel fielen im Krieg. Die beiden Frauen trugen jahrelang nur Schwarz. Meine sehr geliebte Großmutter erzählte oft von Gießen, wo das Bleyle-Geschäft meiner Großeltern total ausgebombt worden war, und von dem Ab-transport der Juden in Gießen, darunter ihre jüdischen Schulfreundinnen. Was behält ein Kind? Ab 1945 wurde es in unserem Pfarrhaus geschäftig. Mein Vater, Pfarrer der Be-kennenden Kirche, mit ,,summa cum laude'' promoviert, aber auch in allen praktischen Dingen sehr bewandert, engagierte sich auf vielen Gebieten und forderte von uns allen strengste protestantische Lebensweise, wie er sie verstand, Leistung und Verzicht. Vom Krieg, in dem er fünf Jahre lang war in Russland und Griechenland erzählte er nie. Gern besuchte ich ab 1949, nach drei Jahren achtklassiger Volksschule, das Altsprachliche Gymnasium Worms in der französisch besetzten Zone und spä-ter, durch den Stellenwechsel meines Vaters bedingt, ein Humanistisches Gymnasium in Darmstadt. 1953 fiel mir zum ersten Mal ein Bericht über Auschwitz in die Hände. Ich weinte erschüttert, sprach aber mit niemanden darüber. Die Erwachsenen schwiegen und arbeiteten! 1956 fuhr mein erster Freund, zum Entsetzen meines Vaters ein ,,Linker'', mit dem Sozialistischen Studentenbund Frankfurt nach Israel. Ich fing an, mich mit diesem Land und der Idee des Kibbuz als sozialistischer oder religiöser Gemeinschaftssiedlung zu befassen und lauschte begeistert den Berichten der Studenten. Erst nach dem Abitur 1958 befasste ich mich mit dem jüdisch-ara-bischen Konflikt. Mein Studium in Latein und Geschichte und die Arbeit als Vertrauensstudentin in der Ev. Studentengemeinde Frankfurt musste ich durch die Scheidung mei-ner Eltern aufgeben. Mit 21 Jahren wurde ich Lehrlingsausbilderin für Büro-kaufleute bei der Frankfurter Allianz in Frankfurt. 1962 heirateten wir, und wieder war da eine Familie, die sich an jüdisches Le-ben in Frankfurt erinnerte, die vielen Juden geholfen hatte, total ausgebombt wurde und christlich orientiert war. - Meine Schwiegermutter Pullmann musste z. B. trotz fünf kleiner Kinder zur Gestapo in Frankfurt, nur weil sie Christen und Juden Pakete geschickt hatte. Beide Mütter unterstützten mich in meinen Bemühungen. Sie konnten mir durch ihre Berufstätigkeit nicht helfen, aber in Gedanken waren sie wertvolle Partnerinnen. 1964 kamen wir nach Elz. Mein Mann war schon ab 1963 an der Tilemann-Schule tätig. Ich arbeitete in verschiedenen Büros.Ungewollt kinderlos ver-suchten mein Mann und ich immer ein ausgefüllites Leben zu führen und nicht einem ,,normalen'' Leben mit Kindern nachzutrauern. 1976 kam ich nach mei-nem zweiten Studium in Gießen an die heutige Leo-Sternberg-Schule in Lim-burg. Viele Grund-, Haupt- und Realschüler habe ich in all den Jahren in Ge-schichte, Deutsch, Maschinenschreiben, aber vor allem in Evang. Religion, un-terrichtet. Und in Religion war für mich das Judentum ein Schwerpunkt, in das ich mich immer mehr einarbeitete, dazu Geschichte des 20. Jahrhunderts. Mit Israel blieb ich seit 1967 in enger Verbindung und korrespondierte mit vie-len Freunden dort all die Jahre. Manche sah ich hier in Deutschland ab und an. Alle politischen Höhen und Tiefen erlitt ich mit, besonders den Krieg von 1972/73, den Yom-Kippur-Krieg. Der Golfkrieg 1991 ließ mich fast erstarren vor Kum-mer. Irakische Scud-Raketen trafen Wohnviertel in Tel Aviv, in denen Freunde wohnten. Ende März 1991 flog ich mit dem ersten Flugzeug, das wieder das verdunkelte Tel Aviv ansteuerte, nach Israel und traf auf ein Land in tiefster Agonie. Hilfe suchend wandten sich Bekannte an mich, ob es nicht möglich sei, we-nigstens den Jüngeren wirtschaftlich zu helfen. Als ich zurückkam, las ich eine Anzeige der ACK Limburg, man wolle einen christlich-jüdischen Arbeits-kreis gründen und suche Interessierte. Nach zwei Vortragsabenden brach ich mein Schweigen. Ich wollte helfen, hatte konkrete Kontakte, war lange mit dem Thema vertraut, aber ich wollte nicht in einem rein kirchlichen Arbeitskreis verbleiben. Die große Ausstellung jüdisch-israelischer Künstler im Herbst 1991 in der Ma-rienschule Limburg führte viele junge Künstler aus Israel zum ersten Mal nach Deutschland. Sie vertrauten der Personenbeschreibung von unserem heutigen Ehrenmitglied, Frau Orna Birnbach, die ich 1991 im Museum Beth Hatefutsoth kennen gelernt hatte. Sie selbst kam im Sommer 1991, sprach zum ersten Mal in ihrem Leben vor deutschen Schülern, Schülern der Tilemann-Schule, von ihrer Leidenszeit von 1939 bis 1945. Wir sind uns seitdem sehr verbunden. Un-sere Männer, beide Frankfurter, wurden gute Freunde. In Nasholim bei Caesarea standen die ehemaligen Kinderhäuser nach Aufgabe der gemeinsamen Kindererziehung im Kibbuz leer. Von 28 Jugendlichen aus Limburg und Umgebung wurden sie 1992, kurz nach Gründung unserer Ge-sellschaft, belegt. Eine Lehrergruppe der GEW und eine Gruppe unserer Ge-sellschaft folgten. Viele noch lebende Limburger Juden reagierten auf die Gründung unserer Ge-sellschaft voll Freude, war sie doch von Herrn Gert Strauss, heute noch in Tuscon/Arizona lebend, angemahnt worden bei dem Treffen auf Einladung der Stadt Limburg 1989. 1994 besuchte ich die meisten der in Israel lebenden Juden aus unserer Regi-on. Herr Bellinger, Hadamar, hatte schon Jahre vorher Kontakte. 1995 gestalteten der Grafiker Andreas Berner aus WurzbachlThür. und ich den noch Lebenden zu Ehren unser Künstlerbuch ,,LEBEN''. Es folgten für mich eine Serie von Interviews mit Überlebenden für die Spiel-berg-Foundation - erschütternde Berichte über Stunden! - Nach Besuchen in Theresienstadt und Auschwitz wurde mir klar, dass alle diese Berichte auch nicht annähernd die Wirklichkeit darstellen können. Als ich in der Baracke von Orna Birnbach in Auschwitz-Birkenau stand, in der sie als 16-jährige lebte, konnte ich nur noch weinen. 1999 war ich wieder auf Besuchsreise in Israel. Die nun alten Menschen wol-len in Deutschland die Gräber ihrer Eltern und Großeltern bewahrt wissen. So ist mir ein neues Aufgabengebiet zugewachsen, nämlich den Erhalt der jüdi-schen Friedhöfe zusammen mit dem Jüdischen Landesverband Hessens zu sichern. Neu ist auch, dass sich aus dem ,,Verein russisch sprechender Menschen'', dessen Gründung ich forcierte, vor allem mit Hilfe von Herrn Gary Samuel Lassmann, die Jüdische Gemeinde Kreis Limburg-Weilburg gründete, die jüngste und vorerst kleinste anerkannte jüdische Gemeinde Hessens. Ich bin der Meinung, dass christlich-jüdischer Dialog nicht auf religiöse und akademische Dialoge beschränkt bleiben darf. In Israel z. B. sind 70 % der Juden nicht religiös, halten aber die Traditionen. Unser Bild vom Juden wird oft geprägt von den Religiösen in Kaftan und Hut. Juden, Christen und Muslime sind Menschen, und ein gemeinsames Credo kann nur im gemeinsamen Zusammenarbeiten entstehen. Gemeinsames Arbeiten, Planen, gemeinsame Visionen lassen Achtung, ja sogar Liebe ent-stehen. Dass vieles dieser Art möglich sein könnte, ja manchmal schon ist, zeigte mir dieses Erlebnis in Fès in Marokko vor einigen Wochen: Mitten im Basar von Fès befindet sich eine kleine Synagoge. Auch heute noch leben Juden in diesem muslimischen Land. Die jüdischen Gemeinden sind wie in Deutschland fast 2000 Jahre alt. Diese Synagoge in Fès hütet seit 40 Jahren ein gläubiger Muslim. Er zeigte mir die Mikweh, den Thora-Schrein, die Thora-Rolle und erzählte voll Liebe von der jüdischen Gemeinde. Weinend nahmen wir voneinander Abschied, eine Chris-tin von einem treuen gläubigen Muslim in einer jüdischen Synagoge. Christa Pullmann, ev. Vorsitzende seit 1992 |