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P.Bauer

von Alfred Grosser

    Europas ewige Werte – Ethik ohne Gott

                     Gehört ein Bezug auf Gott in die Verfassung der EU ?

 

„Im Bewusstsein seiner Verantwortung vor Gott und den Menschen ... hat sich das Deutsche Volk" - so beginnt das Grundgesetz. Soll Gott auch in der Europäischen Verfassung stehen? jetzt, nach dem Scheitern in Brüssel, bleibt ja viel Zeit, um die Frage auszudiskutieren. Eins sollte dabei klar sei: Niemand darf gezwungen werden, sich auf Gott zu beziehen. Gerhard Schröder hat bei seinem Amtsantritt völlig recht gehabt, vom Passus des auf den Bundespräsidenten bezogenen Artikels 56 Gebrauch zu machen. Nach der Formel „so wahr mir Gott helfe" steht da: „Der Eid kann auch ohne religiöse Beteuerung geleistet werden." Denn das Zweite Gebot verbietet Unaufrichtigkeit und Heuchelei.

Neulich behandelte die Sendung Baden-Badener Disput im Südwestfunk das Thema „Hat Gott Zukunft?" Meine Gegenfrage: „Was hat er denn für eine Vergangenheit?" Die Bilanz ist nicht gerade positiv, wenn die Würde des Menschen als Grundwert geachtet werden soll. Auf Gottes Befehl lässt schon Moses Völker ermorden und vertreiben, um das Land, wo Milch und Honig fließen, in Besitz zu nehmen. Heute lassen katholische und protestantische Christen in Nordirland Blut von Menschenfließen, die theoretisch an denselben Gott der Liebe glauben. Dazwischen liegen Jahr­hunderte von im Namen Gottes begangenen Greuel, etwa im sechzehnten Jahrhundert auf dem neu entdeckten amerikanischem Kontinent. Oder 1914, als die Kirchen in Deutschland und Frankreich Siege feierten, die Massenmord an Christen des anderen Landes bedeuteten. Nur der Papst in Rom versuchte, beschimpft von beiden Seiten, den Frieden herbeizuführen. Und Deutschland 1933?

Am 21.März predigte Otto Dibelius, nach dem Krieg Vorsitzender des Rares der Evangelischen Kirche in Deutschland, in Potsdam zu Hitlers „Tag der nationalen Erhebung". Er forderte den Staat auf, „in Gottes Namen seinen Amtes" zu walten und „schonungslos vorzugehen", so wie Luther die Prinzen aufgefordert hatte, die Bau­ernrevolte niederzuschlagend. 1938 mahnten Österreichs katholische Bischöfe die Gläubigen, für Hitler zu stimmen, hatte doch die nationalsozialistische Bewegung „auf dem Gebiet des völkischen und wirt­schaftlichen Aufbaues Hervorragendes geleistet". Das „Völkische" bezog sich auf den Kampf gegen die Juden. Unterdrückung, Vertreibung, Scheiterhaufen, Pogrome im Namen Gottes haben lange vor Auschwitz stattgefunden.

Es sollten also die Befürworter der Berufung auf Gott bescheidener sein und anerkennen, dass die Formulierung der an sich schönen Enzyklika von Papst Paul VI. aus dem Jahr 1961 nicht zutrifft: „Die sittliche Ordnung hat nur in Gott Bestand.Wird sie von Gott gelöst, löst sie sich selber auf." Die Feststellung eines französischen Dominikaners ist wahrhafter : „Der Glaube an Gott ist nicht nötig, um eine Moral zu begründen . Die Moral gehört nicht den Kirchen." Viele christlichen Werte sind gegen die Kirchen neu errungen worden. Zu Recht sagt seit 1954 das Programm der SPD: „In Europa sind Christentum, Humanismus und klassische Philosophie geistige und sittliche Wurzeln des sozialistischen Gedankenguts."

In der Präambel der polnischen Verfas­sung von 1997 heißt es: „Das polnische Volk - alle Bürger der Republik, sowohl diejenigen, die an Gott als Quelle der Wahrheit, Gerech­tigkeit ... glauben, als auch diejenigen, die diesen Glauben nicht teilen und diese universellen Werte aus anderen Quellen ableiten."

Was sind nun diese Werte? Vor zwei Jahren durfte ich in der Dresdner Frauenkirche die erste Rede einer Reihe zu Europa halten.

Mein Thema war das Verständnis für die Leiden der anderen. So musste nach 1945 meinen jungen französischen Landsleuten gesagt werden, man könne von den jungen Deutschen nur verlangen, das Ausmaß von Hitlers Verbrechen anzuerkennen, wenn man Verständnis zeigt für die Opfer der Bombennächte in Hamburg oder Dresden und für das Leiden der zwölf Millionen Vertriebenen. Dies kann mit oder ohne Gott empfunden werden. In Frankreich ist das eine Selbstverständlichkeit. In Deutschland nicht.

Als „jüdisch geborener, mit dem Christentum geistig verbundener Atheist" bin ich seit einem halben Jahrhundert Kolumnist unserer einzigen zentralen katholischen Tageszeitung La Croix. Die große, wahrhaft brüderliche Rezension, die dort zu meinem Buch Die Früchte ihres Baums -Atheistischer Blick auf die Christen erschien, stammte von einem katholischen Bischof, der selbst in einem Buch geschrieben hatte: „Es wäre ein verhängnisvoller Irrtum, einen Kreuzzug der Gläubigen gegen die Ungläubigen aufbauen zu wollen ... Das Kriterium der Unterscheidung ist hier nicht der verkündigte Glaube. Es ist die Haltung dem verletzten Menschen gegenüber." Der Gott der Christen hat sich verändert. Er ist nicht mehr der Allmächtige, der Zornende, der Strafende. Er ist der leidender Mensch Gewordene, was keine Trennung vom atheistischen Humanismus mehr bedeutet. Ob nun der Name Gottes in der Verfassung steht, scheint mir nebensächlich, wenn er als ein Bezug neben anderen erscheint. Die Hauptsache ist die Betonung der gemeinsamen Ethik.

 

Jüd. Allgemeine 24.12.03

 

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