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P.Bauer

Samstag, 11. Oktober 2003

Die jüdische Frau

 

von Gundula Stegemann

 

 Limburg. „Kerzen gehören zu jedem Fest der jüdischen Familie. Die jüdische Frau ist die Hüterin des Lichts und der Harmonie in der Familie und in der Gesell­schaft." Mit diesen Worten begrüßte am Mittwochabend die Jüdin Michaela Rychla in der evangelischen Kirche am Bahnhof ihre Gäste und zündete zwei Kerzen an - auch wenn gerade kein Feiertag war. Zu dem Thema „Die jüdische Frau zwischen Tradition und Moderne" hatte die Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit Limburg eingeladen. Ihren Vortrag umrahmte die gebürtige Tschechin mit Gesängen aus der Liturgie der Hohen Feiertage. Un­ter anderem trug sie die Gebete zum Versöhnungsfest Jom Kippur am 6. Oktober und die fröhlichen Lieder zum Laubhüttenfest vor.

„Ihre warme Stimme ist es, die uns bewegt," sagte Christa Pullmann, evangelische Vorsitzende und Geschäftsführerin der Gesellschaft. Weil Eva Adam zur Sünde verführt habe, sei es nun die Aufgabe der Frau, durch das Kerzen-zünden das Licht in die Welt zu­rückzubringen, das zuvor wegen der Sünde erloschen war, sagte Michaela Rychla. So sei die jüdische Frau Hüterin des jüdischen Glaubens und der jüdischen Tradition geworden, mehr als der Mann. Die Zugehörigkeit zum jüdischen Volk werde vor allem durch und über die Mutter vermittelt. Über sie werde ein Jude definiert.

Die Übergabe des religiösen Wissens an die Kinder sei gleich nach der Geburt der Kinder die zweitgrößte Pflicht jeder Jüdin. Und da­bei müssten die Eltern, insbesondere die Mütter, ein Vorbild sein. Wenn ein Kind vor der Familie am Tisch beispielsweise das Pessachlied singe, sei es mit Stolz erfüllt, weil seine Mutter es ihm beigebracht habe. Es sei wichtig, jüdische Identität zu vermitteln, sagte Michaela Rychla: „Wir müssen den Kindern ein gesundes Selbstbewusstsein geben, dass wir, auch wenn wir anders sind, ein Teil der Gesellschaft sind."

Sie ging auf die Situation der religiösen berufstätigen Frau in Israel ein. Die meisten Familien hätten viele Kinder. Zehn- und mehrköpfige Familien seien keine Seltenheit. Viele Familien lebten in recht   kleinen  Wohnungen.   Die Mutter gehe arbeiten, der Vater studiere die Tora. Viele kinderreiche Israeli kauften ab der Monatsmitte auf Kredit ein, weil das Geld nicht reiche. Sie berichtete von einer ihr bekannten Familie in Israel mit acht Kindern. Der Vater sei Architekt, die Mutter Kindergärtnerin. Nach ihrer eigentlichen Tätigkeit gehe die Mutter noch putzen und pflege alte Menschen. Sie müsse morgens 4.30 Uhr aufstehen, um ihr Tagespensum bewältigen zu können. Dabei sei es die oberste Pflicht einer jüdischen Frau, zunächst das Zuhause abzusichern, bevor sie sich beruflich betätigen könne.

Dass die jüdische Frau einer Arbeit nachgehe, sei üblich. Das Bild von der unterdrückten jüdischen Frau, das zum Teil immer noch in den Köpfen vieler Menschen spuke, bestehe zu Unrecht. Die jüdische Frau sei schonseit langem autonom, länger als dies im Christentum der Fall sei. Auch darüber, ob sie noch ein Kind bekommen wolle, könne eine Jüdin selbst entscheiden. Sie berate sich mit ihrem Mann, ihrem Frauenarzt und dem Rabbiner, in der Frage der Verhütung liege die Entscheidungskompetenz jedoch prinzipiell in der Hand der Frau.

Immer wieder wies die Historikerin und Judaistin darauf hin, dass die meisten Menschen zunehmend vergessen würden, wie gut es ihnen geht. Gerade in der Überflussgesellschaft tue ein, bisschen Dankbarkeit Not. Sie erinnerte an die Dürre in diesem Sommer und an das Niedrigwasser im Rhein. „Die Dürreperiode hat gezeigt: Wir können gar nicht alles nur mit unserer Hände Arbeit leisten," sagte Michaela Rychla.

Anhand verschiedener jüdischer Feiertage führte sie das Publikum in die Tradition des Judentums ein. Das bedeutendste jüdische Fest sei der Schabbat, der siebente Tag der jüdischen Woche (der Samstag). An diesem hohen Feier­tag dürfe nicht gestritten werden, solle man nicht traurig sein; und dürften keine Geschäfte gemacht werden. Das Laubhüttenfest wie­derum sei dem Erntedankfest sehr ähnlich. Es werde im Herbst in ei­ner kleinen Laubhütte feierlich begangen, die die Kinder mit Bananen, Trauben und Äpfeln ausschmückten. Und natürlich würden Gebete gesprochen. Generell werde immer dann, wenn Brot gegessen wird, gebetet. Wesentlich sei, dass man sich vergegenwärtige, dass man vor einem gedeckten Tisch sitzt.

„Es regt mich auf, wenn ich beobachte, was für dick belegte Brote in der Schule in den Müll wandern. Bei uns ist es eine Sünde, Brot wegzuwerfen. Wie schon gesagt: Ein bisschen Dankbarkeit ist wichtig," gab die praktizierende Jüdin zu bedenken.


 

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