|
Vom Grauen
Wann wussten die Allierten etwas über den Holocaust?
Seit dem Erscheinen von Walter Laqueurs Buch „The terrible Secret - Suppression of the truth about Hitler's final solution" 1980 entzünden sich immer wieder Kontroversen an der Frage, was den Alliierten über
die von den Nazis beÂtriebene systematische Ausrottung der europäischen Juden wann bekannt war. In jetzt veröffentlichten Dokumenten des US-Geheimdienstes tauchte, wie die Londoner Tageszeitung Independent in
ihrer gestrigen Ausgabe meldete, auch ein Bericht des damaligen chilenischen Konsuls in Prag, Gonzalo Montt Rivas,auf, in dem es heißt: „Es ist entschieden worden, alle Juden zu deportieren und einige nach Polen,
andere aber in die Stadt Terecin zu transportieren, während man noch nach einem abgelegeneren Ort Ausschau hält".
Dieser jetzt aufgetauchte Bericht spricht davon, dass Mitte Oktober 1941 mit einer ersten Deportationswelle von Juden aus Mitteleuropa begonnen worden war. Täglich gingen Transporte damals aus dem Reich in die
bereits bestehenden Gettos von Lodz, Riga, Kovno und Minsk, deren Bewohner zuvor von Einsatzgruppen großenteils ermordet worden waren. Da diese Mordpraxis aber auf den Protest der Wehrmacht stieß, die ihre
Kriegführung beeinträchtigt sah, wurden diese ersten Massenmordaktionen zunächst eingestellt. Auch die Fortführung der Deportation von Juden aus dem Reich wurde gestoppt, da in der Öffentlichkeit wie in Kreisen
der Nazi-Kamarilla Kritik an diesen Maßnahmen laut zu werden begann. Wie ernst das Regime diese Unmutsäußerungen nahm, die in ihrer Massivität jedoch keineswegs überschätzt werden dürfen, enthüllt der
Umstand, dass damals auch Meldungen über die geplante Einrichtung eines jüdischen „Altersgettos" in Theresienstadt (Terencin) von den Nazis gestreut wurden („Der Führer schenkt den Juden eine
Stadt").
Eben diesen Sachverhalt, der den Alliierten vermutlich schon aus anderen Quellen bekannt gewesen sein dürfte, gibt der jetzt aufgetauchte Bericht des chilenischen Konsuls in Prag wieder. Ende 1941 gab es noch keine
generelle Ermächtigung zum Mord an den zentraleuropäischen Juden. Entsprechende Pläne wurden erst auf der Wannsee-Konferenz vom 20. Januar 1942 gefasst, mit deren systematischer Ausführung im März 1942
(„Aktion Reinhardt") begonnen wurde.
JOHANNES WILLMS
|